"Titus"
[Buch über Genette's Erzähltheorie in 20 Teilen]
(Auszug aus Akt 5, Szene 1)
Franziska: (Laut Tür aufreißend) Wieder geschafft!
Titus: Nein, hast Du nicht. Ich hab Dich auf dem Flur gehört.
Franziska: Mist! Na ja, so lange es kein Schweinemist ist und ich nicht darin stehe, ist ja alles noch in Ordnung.
Titus: Hoffen wir mal. Wenn nicht darf ich Dir ja wieder einmal neue Schuhe kaufen. Schuhe mit Schweinemist wirst Du ja nicht anziehen.
Franziska: Hey, ich hab immer noch nicht die Schuhe, die Du mir versprochen hast. Und trotzdem habe ich vor zwei Wochen den Keller aufgeräumt.
Titus: Kannst Du morgen auch wieder machen.
Franziska: Was? Wie kannst Du denn in zwei Wochen wieder Unordnung in den Keller bringen? Warte! Du bist gerade in der Lebensphase, in der Du unordentlich bist. Wann fängt denn bei Dir das halbe Leben in Ordnung an?
Titus: Wenn ich meine erste Lebenshälfte hinter mir habe.
Franziska: Warte! (Nimmt sich einen Zettel auf Titus Schreibtisch und schreibt "Meine erste Lebenshälfte")
Titus: (Während vorherigem Tun) Was hast Du vor?
Franziska: Warts ab! (Nimmt sich Klebeband und heftet den Zettel an Titus Rücken) So jetzt ist die Deine erste Lebenshälfte hinter Dir. Ich muss also nie mehr aufräumen!
Titus: Ah, ich verstehe, aber freu Dich nicht zu früh. So lange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst, sag ich Dir, wo der Hase lang läuft.
Franziska: Also erstens: Ich sehe keinen Hasen. Zweitens: Ich werde meine Füße nicht unter Deinen Tisch stellen. Höchstens unter Mama's Tisch.
Titus: Mama's Tisch ist meiner!
Franziska: Warte mal! (Holt ihr Handy aus der Tasche) Dann werde ich mal bei der Polizei anrufen müssen. Die sollen einen Dieb festnehmen.
Titus: Einen Dieb?
Franziska: Ja, Du willst ja Mama's Tisch stehlen, und Diebstahl ist strafbar. (Tut so, als würde sie die 110 wählen)
Titus: (Glaubt, dass Franziska die 110 anruft) Warte! Hör auf! Du darfst Deine Füße auch unter meinen Tisch stellen! Aber brech' das Telefonat ab!
Franziska: (Bricht das Telefonat ab) Gut so, Darth Vader.
Titus: Ich hab's Dir schon tausendmal gesagt, ich bin Dein Vater!
Franziska: Ja, ja. Tausendmal hast Du geklagt, Tausendmal hab ich "Mir egal" gesagt, Wieso sollte es sich beim tausend und einen Abend ändern? Die Geburtsurkunde ist mir noch immer fern.
Titus: (Resignierend) Fängt das schon wieder an.
Franziska: Nein, es hat nie aufgehört! Wenn Du mir endlich mal meine Geburtsurkunde zeigen würdest, könnte ich es Dir auch in unserer Wohnung glauben. So aber kann es ja jeder behaupten. Selbst der Weihnachtsmann.
Titus: Das bin ich doch!
Franziska: Äh, also Du leidest wohl an Größenwahn. Nicht nur dass Du zu schlank für einen Weihnachtsmann bist, Du hast doch noch nicht einmal Rentiere.
Titus: Ich meine, ich war doch früher der Weihnachtsmann!
Franziska: Früher ist früher, Wir leben in der Gegenwart, darf ich den Herrn daran erinnern?
Titus: Was ist, wenn Du es nicht darfst?
Franziska: Dann sag ich Mama, dass Du nicht mit uns zu Abend essen möchtest.
Titus: Abendessen?
Franziska: Guten Morgen, Herr Lehrer, haben Sie auch schon ausgeschlafen?
Titus: Wie? Was? Ist es schon wieder so spät?
Franziska: Ja, ist es und war es vor einer Minute auch schon.
Titus: Und was machen wir dann noch hier?
Franziska: Wir? Ich versuche Dir die ganze Zeit zu sagen, Abendessen ist fertig. Aber wer nicht will, der hat schon (Hinausgehend, Tür schließend)
Titus: Warte!
"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte"
Waren sie schon einmal in einer Galerie? Nein? Dann sollten sie mal hingehen. Viele schöne Bilder können sie sehen. Ein Beispiel möchte ich Ihnen nennen. Da gibt es in einer Norwegischen Galerie ein Bild, auf denen ein älterer Mensch auf einem Steg steht und schreit. Ich frage mich ja dann immer, was der Maler damit aussagen möchte. Hat er gezählt, wie viele Wörter seine Aussage hat? Weiß er, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt? Was ist, wenn seine Aussage nur auf Neunundneunzig Wörter kommt. Hat er dann ein Bild gemalt? Oder sollte sein Bild dann nicht eher Kleinbild genannt werden? Hat der Maler vielleicht absichtlich nur eine neunundneunzigwörtige Aussage im Bild untergebracht, um die große Aussage in elf Bildern zu verstecken? Dann würde sich nur die Frage stellen, welche elf Bilder man in welcher Reihenfolge zusammenstellen müsste, um die Aussage des Malers zu erfahren. Was ist, wenn der Maler 122 Bilder gemalt hat. Wer weiß dann, wozu das eine außenstehende Bild gehört. Der Beginn einer neuen Aussage? Die Zusammenfassung der elf Aussagen in einer? Gut, dass einige Maler noch leben und man nachfragen kann. Schlecht, wenn der Maler nicht mehr lebt. Was sollten wir dann tun? Behaupten, dass das BIld mehr als tausend Worte sagt, bis jemand ein Gegenargument liefert? Vielleicht sogar als Expresslieferung? Ich bin offen dafür. Sie doch auch oder?